Tendenz zur Digitalisierung bei den Sinnen – Beobachtungen in Sinnesfeldern:

1. Farben, Licht & Finsternis –

Um uns herum gibt es ein "Flutendes Farbenmeer" - jedoch unterscheiden wir nur einige bezeichnete Farben. Wie man geschichtlich eine Zunahme von verwendeten Farbwörtern beobachten kann, so auch in der individuellen Kindesentwicklung: Rot wird als erstes unterschieden (neben Hell & Dunkel, Weiß & Schwarz), dann Gelb. Die Grenze von Grün und Blau bleibt am längsten unscharf... Wie überall prägt das Begriffsrepertoire umgekehrt wieder die Wahrnehmung: ein Kind, welches noch kein Orange kennt, neigt nicht nur dazu, die Dinge gelb oder rot zu nennen, sondern auch sie so zu sehen!

  • Das ist die Ursünde, wir sondern. Müssen es tun, Bewusstsein und Verständigung wären nicht möglich, wenn wir für die unendlichen Zwischentöne unendlich viele Begriffe bilden müssten.
  • Das ist die Erbsünde, denn wir haben sie geerbt - von Gott, der als erster schied Licht von Finsternis, Tag von Nacht, sonderte Himmel von Erde, flüssig von fest...

Auf einfacher Sprachstufe sind die Farbwörter einfach hinweisend auf Gegenstände: so kommt "braun" von „prunus“ und bedeutet als Pflaumenfarben alles von Grünbraun bis Lilablau. Später erst gibt es Begriffe rein für Farben.
Nicht nur die vorhandenen Begriffe beeinflussen die Wahrnehmung immer in Richtung der von ihnen angebotenen Stufen, sondern sogar die Erinnerung: so erleben wir Tomaten, weil rot gewusst, als roter denn ein gleiches Rot unbekannter Objekte. So erscheint Gras noch grün in solcher Dämmerung, in welcher grasgrüne Gegenstände außerhalb unserer Erinnerung längst grau genannt werden.

aus "BLAU - wie die Schönheit in die Welt kommt" (Kai Kupferschmidt 2020):

BLIND FÜR BLAU
William Ewart Gladstone hatte zwei Leidenschaften: Politik und das klassische Altertum. Die Politik wurde zu seinem Beruf. 1832 wurde Gladstone, im Alter von 22 Jahren, erstmals ins britische Unterhaus gewählt. Er verließ das Parlament 63 Jahre später. In der Zwischenzeit war er vier Mal Premierminister unter Königin Victoria und ebenso häufig Schatzkanzler (im Grunde Finanz und Wirtschaftsminister in einem).
Doch Gladstone war auch ein Gelehrter mit einer außer gewöhnlichen Liebe für den Dichter Homer, jenen »Schöpfer unsterblicher Werke, dessen Leistungen noch heute unübertroffen dastehen«. In seinem monumentalen Werk Homerische Studien untersuchte Gladstone auf mehr als 1700 Seiten alles von »Homers Sinn für die Schönheit der Landschaft« über seinen »Gebrauch von Zahlen« bis hin zu »Homers Auffassung und Gebrauch der Farben.«
Und was Gladstone über Homers Farben zu sagen hatte, hatte es in sich: Die Farbwörter, die Homer nutzte, schienen bei genauer Betrachtung mehr als seltsam.
Gladstone ging gewissenhaft jede Textstelle durch, an der eine Farbe auftaucht, und seine Analyse ist noch heute beeindruckend zu lesen: Am häufigsten nutzt Homer demnach schwarz und weiß, hell und dunkel. Alle anderen Farbwörter sind viel seltener und sie werden für völlig unterschiedlich erscheinende Dinge genutzt. Mit dem Wort »phoinios« (Φοίνιος) beschreibt Homer sowohl das strömende Blut des verwundeten Menelaus wie auch ein Pferd. Das ließe sich auch dann nur schwer erklären, wenn man das Wort als »kastanienbraun« übersetzte, schreibt Gladstone. »Noch gesteigert wird diese Schwierigkeit, wenn wir finden, dass mit dem Beiwort »phoinios« eine junge Palme belegt wird.« Das Wort »chloros« (χλωρός), grün, nutzt Homer für junge Zweige, eine Keule aus Olivenholz – und Honig.
»Blau« taucht gar nicht auf. Mit dem Wort »kuanos« (κυανός), das später »blau« bedeutet, charakterisiert Homer dunkle Dinge: Eine dunkle Wolke, die Trauerkleider der Thetis, das Haar des Poseidon und die Augenbrauen des Zeus. Es steht aber auch für Gegenstände aus Bronze. Das Wort »oinops« (οίνοψ), was so viel bedeutet wie weinfarben, verwendet Homer achtzehn Mal, um das Meer zu beschreiben. Dabei habe das Meer mit dem Wein höchstens gemeinsam, dass beides dunkel sei, schreibt Gladstone. Und Homer benutzt dasselbe Wort, wenn es um Ochsen geht.
Die Indizien brachten Gladstone zu einer »überraschenden Schlussfolgerung«: Homers Wahrnehmung der Regenbogenfarben sei im Allgemeinen mangelhaft und unbestimmt gewesen. Der große griechische Dichter habe die Welt offenbar vor allem in hell und dunkel eingeteilt. Als überwältigenden Beweis sah Gladstone es an, »dass, obgleich Homer unter einem südlichen Himmel lebte, er doch niemals diesen Himmel blau nennt.«
Als Grund sah Gladstone nur eine Möglichkeit: »dass unter den Griechen seiner Zeit das farbempfindende Organ nur teilweise entwickelt gewesen wäre«. Die Griechen, behauptete Gladstone, konnten das Blau der Ägäis schlicht nicht sehen.

BUNTE THEORIE
Gladstones provokante Idee inspirierte andere, vor allem in Deutschland. Der Sprachforscher Lazarus Geiger untersuchte zahlreiche alte Quellen und verkündete, Homer sei keine Ausnahme. In anderen alten Texten werde die Farbe Blau ebenso wenig erwähnt. Selbst die Bibel finde keine Gelegenheit, der blauen Farbe zu gedenken. Und über die Rigveda, eine Sammlung von Hymnen und der älteste heilige Text des Hinduismus, schreibt Geiger: »Diese Lieder, aus mehr als 10000 Versen bestehend, sind fast in ihrer Gesamtheit mit Schilderungen des Himmels angefüllt, kaum ein anderer Gegenstand findet sich häufiger erwähnt; das Farbenspiel, das Sonne und Morgenröthe täglich an ihm bilden, Tag und Nacht, Wolken und Blitze, Luftraum und Aether, dies alles wird in unerschöpflicher Fülle immer und immer wieder mit aller Pracht vor uns entfaltet: nur, dass der Himmel blau ist, würde, wer es nicht wüsste, aus diesen uralten Gedichten nicht erfahren können.«
Ein anderer Deutscher, der Ophthalmologe Hugo Magnus aus Breslau, entwickelte schließlich eine Art wissenschaftliche Theorie: ein Stufenmodell für die Entwicklung der Farbwahrnehmung. Magnus glaubte, dass die Netzhaut des Menschen zunächst nur in der Lage war, hell und dunkel zu unterscheiden. Erst durch die ständige Reizung durch Licht habe die Netzhaut dann langsam die Fähigkeit entwickelt, Farben zu unterscheiden. »Die Netzhaut, so stellen wir uns das vor, wurde durch die unausgesetzt und unaufhörlich auf sie eindringenden Lichtstrahlen allmählich in ihrer Leistungsfähigkeit erhöht«, schrieb er. Magnus glaubte, dass sie bei dieser Entwicklung den Farben des Regenbogens folgte.
Gladstone nahm die Theorie dankbar auf und verbreitete sie: »Im Beginn herrschte bei den primitiven Menschen absolute Farbenblindheit, schrieb er. Dann sei die Wahrnehmung für die Farben an einem Ende des Spektrums erwacht: Rot, Orange, Gelb. Das erkläre die herausragende Bedeutung der roten Farbe in der frühen Malerei und in der Kleidung der Antike. Und es erkläre auch Homers seltsame Beschreibung der Welt, denn er habe in dieser Phase der menschlichen Entwicklung gelebt. Erst später seien die Grüntöne wahrgenommen worden. Und zuletzt »in der vierten Entwicklungsphase beginnt die Erkenntnis der blauen Farbe sich Bahn zu brechen«. Doch diese sei noch nicht abgeschlossen. So werde berichtet, »dass in Birma blau und grün überraschend häufig verwechselt werden«.
Den Grund für diese Abfolge sah Magnus im »Gehalt an lebendiger Kraft« der verschiedenen Farben. Kurz: Rotes Licht sei besonders energiereich und habe sich deshalb auf der Netzhaut zuerst bemerkbar gemacht. Dann seien nach und nach die anderen Farben des Regenbogens gefolgt. Er hielt die Entwicklung für noch nicht abgeschlossen. »Wir möchten viel eher glauben, dass im Lauf der kommenden Zeiten der Farbensinn eine noch weitere Ausbildung erfahren und sich über das äusserste heute sichtbare violette Ende des Spectrum noch in das Gebiet des Ultravioletten hineinerstrecken werde.«
Die ganze Theorie war im Rassismus der Zeit mariniert. Die Entstehung des Menschen wurde damals als langsame Vervollkommnung angesehen und viele Naturvölker galten den vermeintlich zivilisierten Gelehrten als Zwischenstufen dieser Menschwerdung. So spekulierte Gladstone, ein Indiz für den weniger fortgeschrittenen Farbsinn bei Naturvölkern sei »die Vorliebe der unzivilisierten Völker für brennende und schreiende Farben«.

SPRACHLOS
Gladstone, Geiger und Magnus waren mit ihren Gedanken nicht allein. Mitte des 19. Jahrhunderts waren viele große Intellektuelle von der Theorie überzeugt. So schrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche in Morgenröte: »Wie anders sahen die Griechen in ihre Natur, wenn ihnen, wie man sich eingestehen muss, das Auge für Blau und Grün blind war.« Auch andere Gelehrte verbreiteten die Theorie. »Ein volles Jahrzehnt hindurch blieb es einer der beliebtesten Stoffe für einen packenden Journalartikel, den Lesern zu erzählen, daß die Griechen das herrliche blaue Meer ihrer Küsten und die Pracht ihres tiefblauen Himmels gar nicht zu würdigen vermocht hätten«, monierte der Apotheker und Schriftsteller Ernst Ludwig Krause 1880 in einem Artikel in der Zeitschrift Die Gartenlaube. »Eine Schaar oberflächlicher Philosophen schwelgte in der Idee, der Farbensinn gehöre zu den höheren geistigen Fähigkeiten, die erst im Menschen langsam zum Ausdruck gekommen seien.«
Krause, einer der wichtigsten Popularisierer von Charles Darwins Ideen in Deutschland, zählte in seinem Artikel auch die Gründe auf, warum die Theorie von Magnus unsinnig erschien. Da war zunächst die Tatsache, dass zahlreiche Tierarten Farben unterschieden. Sollte das menschliche Auge diese Fähigkeit erst vor wenigen tausenden Jahren erlernt haben, obwohl selbst Bienen dazu in der Lage waren? Außerdem gab es zahlreiche Beweise, dass Griechen mit Blau gemalt hatten und vor allem auch Lapislazuli bewundert hatten. »Da der Stein aber nicht glitzert, glänzt oder durchscheinend ist, kann er eigentlich nur für seine Farbe gepriesen werden«, schrieb Krause.
Heute scheinen uns auch andere Sachen suspekt. So wissen wir, dass die langwelligen Lichtstrahlen am roten Ende des Spektrums weniger Energie haben als das kurzwellige Licht am blauen Ende. Magnus' Theorie behauptete genau das Gegenteil. Auch Magnus' Vorstellung von Evolution ist völlig falsch. Seine Erklärung ist wie die Geschichte von den Giraffen, die sich immer weiter streckten und so lange Hälse bekamen. In Wirklichkeit werden erworbene Eigenschaften nicht an Nachkommen weitergegeben. Würde die Netzhaut wirklich durch das eintreffende Licht langsam empfindlicher werden für Farbeindrücke, würde jede Generation erneut bei null anfangen. Doch Darwins Evolutionstheorie war damals noch jung. Sein Buch Über die Entstehung der Arten wurde 1859 veröffentlicht, ein Jahr nach Gladstones epischem Werk. Darwin selbst korrespondierte mit Gladstone und mit Krause, hielt sich aus der Debatte aber weitgehend heraus.
Krause und andere Kritiker akzeptierten, dass etwa der Mangel an »Blau« in der Ilias und der Odyssee nach einer Erklärung verlangte. Aber es sei weit wahrscheinlicher, argumentierten sie, dass sich nicht der Farbsinn, sondern die Farbvokabeln allmählich entwickelt hatten. Und sie wiesen darauf hin, dass sich dies durch Untersuchungen an anderen Sprachen überprüfen ließe.
Tatsächlich zogen bald manche Wissenschaftler los, um zu er forschen, welche Farben Menschen anderer Kulturen benennen und welche sie wahrnehmen konnten. Der deutsche Arzt Rudolf Virchow untersuchte zum Beispiel den Volksstamm der Nubier, die damals vom Tierhändler Carl von Hagenbeck im Berliner Zoo zur Schau gestellt wurden. (Solche »anthropologisch-zoologische Schauen«, wie Hagenbeck sein Spektakel nannte, waren damals keine Seltenheit und sollten die »Entwicklungsstufen« des Menschen zeigen. Virchow gab dem Rassismus mit seinen Untersuchungen zu Kopfform oder Farbvokabeln einen wissenschaftlichen Anstrich.) Die Ergebnisse deuteten alle in dieselbe Richtung, schrieb der Magnus-Kritiker Rudolf Hochegger 1884: »Die Untersuchungen über den Farbensinn der Naturvölker haben klar dargethan, dass die gesonderte Empfindung aller Farben vorhanden sein kann, wenn auch der sprachliche Ausdruck fehlt.«
Magnus selbst wollte das zunächst nicht wahrhaben. Er entwarf mit Forschern am Museum für Völkerkunde in Leipzig einen Fragebogen, »bis zu welchem Grade die Naturvölker die Farben empfinden und durch Benennung unterscheiden wie die Culturvölker«. Mit Unterstützung von Ärzten und Missionaren ließ er zahlreiche Ethnien in Afrika und Asien befragen, aber etwa auch die Sioux in Nordamerika und die Letten in Europa. Das Ergebnis war für Magnus ernüchternd. Er stellte fest, dass zum Beispiel die Herero, ein Hirtenvolk in Afrika, zahlreiche Wörter für die Farben ihrer Rinder hatten. Was keine Viehfarbe ist, so besonders Blau und Grün, können sie nicht benennen, obwohl sie die Farben von den anderen unterscheiden können und wenn nöthig, Fremdworte gebrauchen.« Viele von ihnen fänden es sogar »sehr lächerlich, dass es für diese Farben Namen geben soll«.
Die Schlussfolgerung lag auf der Hand: Es sei klar geworden, dass man von den Farbwörtern eines Volkes nicht auf sein Farbempfinden schließen könne, gab Magnus zu. Und doch, seine Theorie von der allmählichen Entwicklung des Farbsinns wollte er nicht widerrufen: »an dieser Theorie halten wir im Gegentheil auch jetzt noch unter allen Umständen fest«, schrieb er.
Doch ohne die Beweislast der Wörter fiel die Argumentation von Gladstone, Geiger und Magnus in sich zusammen. Die Ergebnisse waren eindeutig: Nicht das Auge hatte sich weiterentwickelt, sondern die Sprache. Es war eine Frage der Kultur des Menschen, nicht der Anatomie seines Auges. Die Debatte schien beendet. Doch einige Jahrzehnte später sollte das Farbspektrum erneut zum Schauplatz intellektueller Gefechte werden. Wieder ging es um die Unterschiede zwischen Kulturen. Und wieder ging es um die Farbe Blau.

BLÜN
Als Paul Kay in den fünfziger und sechziger Jahren in den USA Anthropologie studierte, galt eines als unumstößlich: Jede Sprache kann das Spektrum nach Belieben in Farben aufteilen, unabhängig von jeder anderen Sprache. »Es gibt keine natürliche Einteilung des Spektrums. Jede Kultur hat das spektrale Kontinuum genommen und es auf eine Art und Weise eingeteilt, die beliebig ist«, schrieb 1952 etwa der Anthropologe Verne Ray.
Sollte das stimmen, müsste es ziemlich schwer sein, Farben von einer Sprache in eine andere zu übersetzen. Denn wo die Deutschen Blau und Grün sehen, könnten Menschen einer anderen Kultur fünf verschiedene Farben oder nur eine sehen. Sie könnten Orange und Gelb zu einer Farbe zusammenfassen, Rot in ein Dutzend Schattierungen unterteilen oder die Hälfte des Bereichs Rot mit einem Viertel von Violett zu einer Farbe zusammenziehen.
Die Anhänger dieser Auffassung beriefen sich häufig auf den Sprachforscher Benjamin Whorf und dessen Lehrer Edward Sapir. Ihre Theorie der linguistischen Relativität, die meist schlicht als Sapir-Whorf-Hypothese bezeichnet wird, stellte zwei Behauptungen auf: Dass unterschiedliche Sprachen die Wirklichkeit unterschiedlich abbildeten. Und dass diese Aufteilung dann wiederum beeinflusste, wie die Menschen die Welt sahen. Dass die Sprache also das Weltbild prägte, vielleicht sogar bestimmte.
Obwohl Sapir und Whorf selbst nie über Farbwörter geschrieben hatten, war das Farbspektrum zum entscheidenden Prüfstein ihrer Hypothese geworden. Hatten Geiger und Magnus aus dem Fehlen von Farbwörtern vorschnell auf Unterschiede in der Biologie des Menschen geschlossen, kehrten die Anhänger von Sapir und Whorf den Spieß gewissermaßen um. Für sie waren Unterschiede in der Sprache nicht ein Indiz dafür, dass das Auge etwas anderes sah. Die Sprache selbst war eine Art geistiges Auge, durch das der Mensch die Welt auf unterschiedliche Weise sah.

Kay ging für seine Doktorarbeit nach Tahiti, wo er die sozialen Strukturen in der Hauptstadt Papeete erforschte. Dort lernte er auch Tahitianisch und er war überrascht, wie gut sich die meisten Farbwörter ins Englische übertragen ließen. Nur eine Besonderheit gab es: Was in den USA oder Deutschland Blau oder Grün wäre, war in Tahitianisch nur eine Farbe, »Blün« gewissermaßen.
Nach seiner Rückkehr in die USA lernte Kay Brent Berlin kennen. Berlin war Linguist und hatte in Mexiko die Maya-Sprache Tzeltal gelernt. Zu ihrer Überraschung stellten die beiden fest, dass sie genau die gleiche Erfahrung gemacht hatten. Die Farbwörter in Tzeltal waren erstaunlich leicht mit denen in europäischen Sprachen in Bezug zu setzen bis auf den einen Unterschied, dass es für Blau und Grün keine getrennten Wörter gab.
Kay und Berlin wussten das damals nicht, doch tatsächlich war einigen Zeitgenossen von Gladstone und Geiger bereits das Gleiche aufgefallen. So schrieb der Leipziger Völkerkundler Richard Andree 1872: »Es bleibt jedenfalls eine auffallende und noch zu erläuternde Thatsache, dass über den ganzen Erdball zerstreut zahlreiche Völker gefunden werden, die Blau (Schwarz) und Grün zusammenwerfen und mit einem Ausdrucke bezeichnen.«

Kay und Berlin entschieden sich, der Sache auf den Grund zu gehen. Zunächst befragten sie mit Hilfe einiger Studenten Muttersprachler in zwanzig verschiedenen Sprachen. Dabei versuchten sie zunächst die »basic color terms« herauszufinden. So nannten sie jene Farbwörter wie »blau« oder »rot«, die nicht zusammengesetzt sind (wie himmelblau), nicht aus einer fremden Sprache stammen (wie ecru), sich nicht auf eine bestimmte Quelle beziehen (wie lachsfarben) und die allgemein im Gebrauch sind. Nachdem sie diese Grundfarbwörter gefunden hatten, baten die Forscher die Teilnehmer, auf einer großen Farbtafel zu zeigen, welchen Bereich jede dieser Farben umfasste und welches das beste Beispiel für die Farbe war. Neben den zwanzig Sprachen fanden Kay und Berlin in der Literatur Angaben für 78 weitere Sprachen, die sie ebenfalls einfließen ließen.
Ihre Ergebnisse hielten die Forscher in einem schmalen Band fest, der 1969 erschien. Unterschiedliche Sprachen hatten tatsächlich eine unterschiedliche Zahl an Grundfarbwörtern, schrieben Kay und Berlin. Während manche Sprachen nur zwei oder drei solche Wörter besaßen, gab es im Englischen elf: »schwarz«, »weiß«, »rot«, »gelb«, »grün«, »blau«, »braun«, »violett«, »pink«, »orange« und »grau«. Doch die Aufteilung des Farbraums schien keineswegs beliebig. Was Sprecher als bestes Beispiel einer Farbe angaben, stimmte für die meisten Sprachen erstaunlich gut über ein. Und Sprachen mit weniger Farbwörtern hatten das Farbspektrum zwar gröber unterteilt, aber ihre Grenzen verliefen an den gleichen Stellen wie die Grenzen von Sprachen mit mehr Farbwörtern, sie hatten nur weniger davon. Es war, als hätte das Farbspektrum Sollbruchstellen, an denen es am ehesten in unter schiedliche Farben zerfiel.
Und noch eine Regelmäßigkeit stellten Kay und Berlin fest: Sprachen mit nur drei Farbwörtern unterschieden in der Regel schwarz, weiß und rot. Als Nächstes kamen meist gelb und grün hinzu. Als Sechstes wurde dann schließlich Blau als eigene Farbe unterschieden. Es war die gleiche Reihenfolge, die Geiger nach seinem Studium alter Quellen vorgeschlagen hatte.

WELT DER FARBEN
Das Buch von Berlin und Kay entfachte die Debatte über Farben aufs Neue. Teilten Menschen in verschiedenen Sprachen Farben doch im Großen und Ganzen gleich ein und gab es tatsächlich eine Regelmäßigkeit in der Reihenfolge, in der Farben benannt werden? Während viele Psychologen die Ergebnisse schnell akzeptierten, wehrten sich manche Anthropologen vehement. »Wir haben ein Dogma angegriffen, das nicht nur akzeptiert war, sondern auch beliebt«, sagte mir Kay, als ich ihn fast fünfzig Jahre nach Erscheinen seines Buchs in Berkeley besuchte. »Es gibt heute noch Menschen, die uns vorwerfen, düstere imperialistische Ziele zu verfolgen.«
Viele Kritiker wiesen zu Recht auf Schwachpunkte in der Studie von Berlin und Kay hin: Die beiden Forscher hatten nur zwanzig Sprachen untersucht und für einige der Sprachen nur einen einzigen Menschen befragt. Hinzu kam, dass die meisten Teilnehmer auch Englisch sprachen. War es nicht möglich, dass...

...


SPRACHE IM KOPF
Ich schaue auf den weißen Bildschirm eines Computers und ich denke: Halbkreis, Dreieck. Halbkreis, Dreieck. Martin Maier hat mir gesagt, dass ich auf diese beiden Formen achten soll. Auf dem Bildschirm werden gleich dreizehn geometrische Formen sehr schnell hintereinander erscheinen. Ich soll hinterher sagen, ob ein Halbkreis dabei war. Und wenn ja, ob es die obere oder die untere Hälfte eines Kreises war. Und auch, ob ein Dreieck dabei war. Und wenn ja, ob es nach rechts oder links gezeigt hat. Halbkreis, Dreieck, Halbkreis, Dreieck, denke ich.
Der Computer steht in einem kleinen Raum der Humboldt Universität in Berlin-Adlershof. Maier ist Forscher in der Arbeitsgruppe von Psychologie-Professorin Rasha Abdel Rahman, und auch wenn es nicht danach klingt, untersucht er in der Studie, wie meine Sprache beeinflusst, wie gut ich Blau wahrnehme.
Dann geht es los. Die dreizehn Zeichen blitzen nur jeweils für den Bruchteil einer Sekunde auf. Da ist ein Halbkreis. Ich habe ihn deutlich gesehen. Dreieck? Fehlanzeige. Die ganze Sequenz ist nach weniger als zwei Sekunden vorbei. Nach ein paar Durchläufen wertet Maier meine Ergebnisse aus.
Ich habe einige Dreiecke übersehen. Immer dann, wenn das Dreieck kurz nach dem Halbkreis auftauchte. Das ist ganz normal, sagt Maier. Forscher nennen das »Aufmerksamkeitsblinzeln«. Mein Bewusstsein ist noch damit beschäftigt, dass ich den Halbkreis gesehen habe, und sieht deshalb das Dreieck nicht, wenn es kurz danach auftaucht.
Der Clou: Wäre meine Muttersprache nicht Deutsch, sondern Russisch oder Griechisch, dann hätte ich vermutlich mehr von den Dreiecken gesehen.
Martin Maier hat die Studie 2017 mit drei verschiedenen Gruppen durchgeführt, und dass es sich dabei um Deutsche, Griechen und Russen handelte, war kein Zufall.
Eine der Schlussfolgerungen von Kay und Berlin, die nicht stimmten, war, dass eine Sprache maximal elf Grundfarbwörter hat, so wie im Deutschen oder Englischen: »schwarz«, »weiß«, »rot«, »gelb«, »grün«, »blau«, »braun«, »violett«, »pink«, »orange« und »grau«. Tatsächlich haben viele Sprachen zwölf Farbwörter, denn sie unterscheiden zusätzlich zwischen einem hellen Blau und einem dunklen Blau. Im Russischen zum Beispiel bezeichnet goluboy (голубой) ein helles Blau und siniy (синий) ein dunkles Blau. Auch im Griechischen gibt es zwei Wörter: galazio (γαλάζιο) und ble (μπλε). Diese Wörter werden schon von kleinen Kindern gelernt und im Alltag genutzt.
Die Dreiecke in Maiers Experiment waren Kombinationen aus zwei Farbtönen, zum Beispiel ein hellblaues Dreieck auf dunkelblauem Hintergrund. Doch wo Deutsche stets blau auf blau sahen, sahen Griechen in manchen Fällen ble auf ble oder galazio auf galazio und in anderen Fällen sahen sie einen Kontrast: ble auf galazio oder galazio auf ble. Diese Dreiecke, die ich meist übersehen hatte, sahen Griechen häufiger als die Deutschen. Offenbar ist der Farbkontrast, den Griechen in diesen Situationen sehen, in der Lage, durch das Aufmerksamkeitsblinzeln hindurchzubrechen (Gleiches galt für Russen). Sie sahen also mehr, weil sie feinere Kategorien hatten. In Maiers Experiment waren es nicht die Griechen, die blaublind waren, sondern die Deutschen.
Maier und Abdel Rahman beschäftigt der zweite Teil der Sapir Whorf-Hypothese: Ob die sprachlichen Kategorien, in die wir die Welt einteilen, einen Einfluss darauf haben, wie wir die Welt wahrnehmen. Ihre Studie ist einer der bisher deutlichsten Hinweise, dass das tatsächlich der Fall ist.
Es ist nicht der einzige.
Bereits 2007 untersuchten Lera Boroditsky und ihre Kollegen Russisch- und Englisch-Muttersprachler. Boroditsky wollte wissen, ob die Unterscheidung zwischen goluboy und siniy im Russischen beeinflusst, wie schnell Russen zwischen Blautönen unterscheiden können. Fünfzig Testpersonen bekamen an einem Computer jeweils drei blaue Felder angezeigt, wie diese: () Ihre Aufgabe war es, so schnell wie möglich zu entscheiden, welches der beiden unteren Felder die gleiche Farbe hat wie das obere. Manchmal waren beide Möglichkeiten ein helles oder ein dunkles Blau. Manchmal war eine Wahl hell- und eine dunkelblau. Die Aufgabe wiederholte sich hunderte Mal. Tatsächlich entschieden die Russischsprecher schneller, wenn sie die Wahl zwischen goluboy und siniy hatten, als wenn beide Möglichkeiten in die gleiche Kategorie fielen. Für Englischsprecher gab es dagegen keinen Unterschied.
Doch das wirklich Spannende war eine weitere Wendung. Die Forscher baten die Teilnehmer, bei einem Durchgang während der Aufgabe eine Folge aus acht Ziffern in ihrem Kopf zu behalten. Wenn sie das taten, löste sich der Unterschied zwischen Russen und Engländern auf. Offenbar lässt sich der Teil des Gehirns, der für diese bessere Unterscheidung ursächlich ist, tatsächlich mit einer Sprachaufgabe (dem »Vor-sich-Hinsagen der Zahlen«) ablenken. Es ist, als würde Sprache, wenn wir sie nicht gerade zum Sprechen benutzen, uns beim Sehen unterstützen.
Was bedeuten diese Ergebnisse für uns Menschen? So wie das Sehen von Farben ein kreativer Prozess ist, in dem unser Gehirn die Signale von drei verschiedenen Zapfentypen miteinander und mit Annahmen über die Welt verrechnet und daraus die Farben vor unserem inneren Auge erzeugt, so ist auch das Sprechen ein kreativer Prozess. Wir teilen das Farbspektrum, das unser Gehirn erzeugt, mit unseren Wörtern auf und ordnen so die Farbenvielfalt der Welt. Und diese Ordnung üben wir dann wieder und wieder bei jedem Blick hinaus in die Welt, bis es uns viel leichter fällt, ein Blau von einem Grün zu unterscheiden als ein Hellblau von einem Dunkelblau.
In ihrer Veröffentlichung schreiben Boroditsky und ihre Kollegen: »Der entscheidende Unterschied ist nicht, dass Englischsprecher nicht zwischen hell- und dunkelblau unterscheiden können, sondern dass Russischsprecher nicht darum herumkommen, sie zu unterscheiden: Sie müssen das tun, um gewöhnliches Russisch zu sprechen.« In gewisser Weise trainieren Russen und Griechen also ihr ganzes Leben die Unterscheidung zwischen Hellblau und Dunkelblau und es ist vielleicht nicht weiter erstaunlich, dass sie darin besser sind als Deutsche, die diese Unterscheidung seltener treffen müssen.
Das Experiment von Rasha Abdel Rahman und Martin Maier geht allerdings darüber hinaus. Schließlich konnten Griechen und Russen Hellblau und Dunkelblau nicht einfach schneller unterscheiden, sie nahmen ein Muster in den beiden Farben tatsächlich häufiger wahr. Eine der schönsten Spekulationen zur Sapir-Whorf-Hypothese ist Ted Chiangs großartige Kurzgeschichte Geschichte deines Lebens (auch der darauf basierende Science-Fiction-Film Arrival lohnt sich). In Chiangs Geschichte erlernt eine Linguistin die Sprache von Außerirdischen, die zur Erde gekommen sind. Diese Außerirdischen nehmen die Welt anders wahr als Menschen, für sie gibt es nicht das Nacheinander von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern eine Art Nebeneinander der verschiedenen Zeiten. Indem die Übersetzerin ihre Sprache lernt, beginnt sie auch die Zeit ein wenig so wahrzunehmen wie die Aliens und sie kann sich plötzlich an die Zukunft erinnern!
Es ist ein wunderschönes Gedankenexperiment. In Wirklichkeit hat Sprache wohl kaum solche Macht. Die Effekte, die wir anhand der Farbe Blau im Labor nachweisen können, sind interessant, aber sie sind winzig. Der Unterschied, den Abdel Rahman und Maier in ihrem Experiment zwischen Deutschen und Griechen sahen, betrug knapp drei Prozent. Das heißt, wenn ein Deutscher im Schnitt hundert Dreiecke übersieht, übersieht ein Grieche nur 97. Im Alltag dürfte dies wohl kaum zu Unterschieden zwischen Griechen und Deutschen führen.
Und doch.

2. Laute, Vokale & Konsonanten –

Auch die von Menschen erzeugten Laute entstammen einem Kontinuum unendlicher Möglichkeiten. Zwar gibt es übliche Sortimente, aber doch erstaunliche Abweichungen. "Das gesamte phonetische Inventar in den Sprachen variiert zwischen nur 11 in Rotokas und 10 – nach allerdings umstrittenen Analysen – in Pirahã, der phonemärmsten Sprache der Welt, und bis zu 141 Phonemen in ?Xóõ oder !X?, der phonemreichsten."
Spannend ist es, in „Der Turm zu Babel“ (Arnold Wadler, Basel 1935) zu lesen, wie zB ein elementar wichtiges „L“ im Durchgang durch eine Sprache, welche „L“ und „R“ nicht unterscheidet, danach als „R“ die gleiche Unterscheidungsrelevanz hat für dasselbe Wort. Und weil es Sprachen mit sehr reduziertem Lautschatz gibt, ist auf diese Art fast jede Lautverschiebung möglich!
Schon innerhalb einer Sprache gibt es eine große Variationsbreite von Aussprachen bestimmter Laute – von einem „richtig“ oder „falsch“ zu sprechen mag dennoch für eine einzelne Sprache angehen, menschheitlich ist ein "richtiges A" oder "falsches G" grober Unfug. Myanmar zB ist nur eine neue Schreibweise des gleichen Klanges wie Birma oder Burma! Wie verwaschen muss man beide Worte aussprechen, um das als gerechtfertigt anzusehen?;-) Aber so ist es!

3. Gerade & Krumme, Bogen & rechter Winkel, Himmelsrichtungen –

Wer sich selbst in dieser Hinsicht aufmerksam beobachtet, stellt bei Fahrten und Wanderungen leicht fest, wie fastrechte Winkel als echterechte genommen werden, wie leichtgebogene Wege begradigt werden (wo ist denn der Kirchturm, gerade war er noch genau vor uns!;-)
Wer sich in einem bewaldeten Autobahnkleeblatt die Aufgabe stellt, einen Viertelkreis zu bestimmen, kann sich wundern, aus wie vielen Vierteln ein ganzer besteht!;-)
Wer in einem Straßennetz einige Abbiegungen fährt, wundert sich oft, dass der in Flucht gedachte Mond nicht wie erwartet steht: Vermeintlich rechtwinklige Straßenraster sind es oft nur sehr annähernd!
Für die sogenannte Orientierung biegen wir Richtungen ins Raster der 4 Himmelsrichtungen. Städte in NNO werden nördlich erinnert, manchmal immerhin in NO...

aus „Digitale Demenz“ (Manfred Spitzer, 2014):

„Digitale Demenz“ (Manfred Spitzer, 2014): „… Wie stark gerade die Leistung der räumlichen Orientierung vom Lernen abhängig ist, zeigen nicht nur die Londoner Taxifahrer. Auch bei ganz normalen Kindern unterschiedlicher Herkunft lässt sich sehr schön zeigen, dass die Orientierung im Raum mehr oder weniger gut beherrscht wird - je nachdem, welches Training man hatte. Kinder und Jugendliche, die in indischen Sanskrit-Schulen aufwuchsen, schneiden in Tests über die Orientierung im Raum besonders gut ab. Warum ist das so? Wie Latein ist Sanskrit eine tote Sprache aus der indogermanischen Sprachfamilie, doch ist sie nach wie vor eine von insgesamt 22 anerkannten Nationalsprachen in Indien und wird in den meisten indischen Schulen der Sekundarstufe nach Hindi und Englisch als dritte Sprache gelehrt. Sanskrit ist mehr als 3000 Jahre alt, wurde in verschiedenen Schriften geschrieben und mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt bereits systematisiert. Bei den Hindus gilt sie als heilige Sprache und wird im Rahmen religiöser Rituale bis in die Gegenwart verwendet, denn alle wichtigen religiösen Schriften (die Veden und die Upanishaden) sind in Sanskrit verfasst. Die älteste der vier Veden ist die Rig-Veda, eine religiöse Schrift über Götter, Mächte, Kräfte und die Natur, in der – wie in der übrigen Sanskrit-Literatur auch – der Raum in zehn Raumrichtungen aufgeteilt ist: Neben oben und unten gibt es acht Himmelsrichtungen, also nicht nur Nord, Süd, Ost und West, sondern auch Nordost, Nordwest, Südost und Südwest. Die geistige Kodierung des Raumes ist daher bei Menschen, die eine gründliche Ausbildung in Sanskrit erfahren haben, durch dieses Schema der acht Himmelsrichtungen geprägt. Es bestimmt gewissermaßen die Güte der kognitiven Landkarte, spielt also eine wichtige Rolle in der Bestimmung des eigenen Ortes in der Welt. Menschen, die in dieser »Weltsicht« sozialisiert sind, betrachten den Raum, ihre Welt, in einer ganz bestimmten Weise - etwa so, wie Schachspieler die Figuren auf dem Brett auf ganz besondere Weise betrachten oder wie Musiker ihre Instrumente in besonderer Weise erleben. Es geht in diesem Zusammenhang keineswegs nur um ein paar Namen für Raumrichtungen: Vielmehr durchzieht das geozentrische Sanskrit-Raumverständnis viele Aktivitäten des täglichen Lebens, sowohl in der Schule als auch im familiären Umfeld, die durch religiöse und kulturelle Praktiken gemeinschaftlich eingeübt und damit intensiv gelernt werden.
Bei Kindern in Sanskrit-Schulen ist die Vermittlung von Wissen über die acht Himmelsrichtungen ein sehr aktiver Prozess. Ihnen werden nicht nur die Richtungen im Raum und ihre kulturelle Bedeutung vermittelt; sie werden vielmehr auch angehalten, sie in ihren alltäglichen Übungen wie beispielsweise beim Morgen- und Abendgebet anzuwenden, und sie werden entweder vom Lehrer oder von älteren Schülern hierbei genauestens angeleitet. Bei Fehlern werden die Schüler korrigiert und dahingehend unterwiesen, wie sie Fehleinschätzungen der Himmelsrichtung künftig vermeiden können.'

Fragt man zehn- bis vierzehnjährige Schüler aus Sanskrit Schulen nach den Himmelsrichtungen im Freien oder sogar in einem geschlossenen Raum, so können 87 Prozent von ihnen richtige Angaben machen, Hindi-Mittelschüler hingegen nur in 43 Prozent der Fälle. Eine weitere Studie bestätigte dies auf noch eindrucksvollere Weise: Zunächst wurden 51 indische Schulkinder im Alter von elf bis fünfzehn Jahren nach den Himmelsrichtungen gefragt – erst im Freien und dann im Raum –, und alle machten sie richtige Angaben. In einer ähnlichen, in Genf durchgeführten Studie konnte im Testraum kein einziges Kind die Himmelsrichtungen angeben. Daraufhin wurde das Experiment gesteigert: Man verband den Kindern die Augen und drehte sie dreieinviertel Drehungen im Kreis. Auch danach waren noch 80 Prozent der Sanskrit-Schüler in der Lage, die Himmelsrichtungen korrekt anzugeben. Dann wurden sie – immer noch mit verbundenen Augen – um ein paar Ecken in einen anderen Raum geführt und nochmals dreieinviertel Mal gedreht und wieder nach den Himmelsrichtungen befragt.
(Man achtete in allen Fällen darauf, dass die Kinder nach den Drehungen nicht in der gleichen Richtung standen wie vorher und dass der Versuchsleiter, der die Kinder drehte und mit ihnen sprach sowie sie über die Richtungen befragte, nicht am gleichen Ort stehen blieb.) Auch danach konnten noch 56 Prozent der Kinder die Aufgabe lösen – also nach Verblindung, einer Dreieinvierteldrehung, dem Wechsel in einen zweiten Raum um einige Ecken und nach einer weiteren Dreieinvierteldrehung um die eigene Achse und noch immer mit verbundenen Augen! Wer seine Schulzeit in einer Sanskrit-Schule verbracht hat, der nimmt die Himmelsrichtungen gleichsam immer mit sich mit, und zwar in 45-Grad-Feineinteilung, und er verfügt daher über ein sehr verfeinertes Orientierungsvermögen. Diese Experimente zeigen, was mittlerweile in der gesamten Neurowissenschaft die Spatzen von den Dächern pfeifen: »Auf die Dauer nimmt die Seele die Farben deiner Gedanken an«, wie schon der römische Kaiser Marc Aurel bemerkte. Er wusste zwar nichts von Neuroplastizität – aber recht hatte er!